Die Wahrheit über viele Seminaranbieter in Deutschland

Der deutsche Seminarmarkt ist ein Haifischbecken, vor allem für die Dozenten, die letztlich die Seminare halten, quer durch Deutschland reisen und für das Gelingen des Seminars primär verantwortlich sind, aber genau all dies nicht vergütet bekommen. Generell muss man wissen, dass die wenigsten Seminaranbieter festangestellte Dozenten haben und die meisten Dozenten selbständig für unterschiedliche Anbieter gleichzeitig arbeiten. Dies bedeutet meistens, dass für jedes Seminar - auch zum gleichen Thema - ein anderer Dozent auftauchen kann. Natürlich kann so nur kaum eine gleichbleibende Qualität gewährleistet werden, darum geht es den meisten Seminaranbietern ohnehin nicht - die schielen nur auf ihren Deckungsbeitrag. Aber auch den Punkt mit der Qualität bürden die Seminaranbieter vor allem den Dozenten auf, die bewertet werden und kürzen im Zweifelsfall das Honorar - auch ohne dass diese Kürzung an den Kunden durchgereicht wird.

Der Verlauf eines Seminars von der Bestellung bis zur Durchführung

Es beginnt mit der Bewerbung des Seminarangebots. Schon hier überbieten sich in Google Adwords bei vielen Themenund den zugehörigen Keywords die Seminaranbieter gegenseitig, damit sie bloß auch zuerst gefunden werden und die Buchung einsacken können. Hierzu muss man wissen, dass viele Seminaranbieter nur für einen kleineren Ausschnitt ihres Seminarangebots zertifizert sind, zum Beispiel für Microsoft- oder Adobe-Programme. Die Zertifizierung besteht oftmals jedoch vor allem darin, dass der Seminaranbieter für die entsprechenden Programme zertifizierte Dozenten einsetzt und eine z.B. vierstellige Summe in Richtung Software-Hersteller zahlt. Für alle anderen Themen des gleichen Anbieters ist diese Zertifizierung komplett bedeutungslos.

Oftmals werden alle Seminarthemen als öffentliche Seminare angeboten, diese kommen aber nur selten zustande. Dennoch wird bei der Buchung des Seminars oftmals auch schon die Rechnung an den Kunden gestellt, die er vorab begleichen muss. An diesem Punkt greift der übliche Trick der Vertriebler bei den Seminaranbietern: sie bieten im nächsten Schritt das gleiche Thema anstatt als öffentliches Seminar als Inhouse-Seminar beim Kunden an, ggf. um den einen oder anderen Tag verkürzt. So sparen sie einerseits die Raumkosten und können durch eine Verkürzung letztlich noch mehr für sich verbuchen. Der Dozent kommt ohnehin meistens von extern angereist, so dass es relativ gleichgültig ist, ob er zum Seminaranbieter oder direkt zum Kunden anreist. Natürlich verdient er durch die Verkürzung unter dem Strich an dem Seminar weniger, da er nur nach Anzahl der Tage seinen Tagessatz bezahlt bekommt statt nach Anzahl der Teilnehmer vergütet wird, wie es die Seminaranbieter den Kunden berechnen.

Viele Kunden stimmen dem Inhouse-Seminar anstelle eines öffentlichen Seminars zu. Anschließend kümmert sich der Vertriebler des Seminaranbieters um einen Dozenten zu dem Thema. Hier zählt dann oft genug vor allem der Tagessatz vor anderen Faktoren. Denn je geringer der Tagessatz des Dozenten ausfällt, desto mehr kann sich der jeweilige Seminaranbieter einstecken. Dazu haben viele Seminaranbieter spezielle Programme, mit denen sie Rundmails an alle möglichen Dozenten verschicken können, die fachlich in Frage kommen. Ebenso sind bei selteneren Themen auch andere Seminaranbieter im Verteiler und die wollen natürlich auch mitverdienen, wenn sie einen ihrer freien Dozenten durchreichen. Nachfolgend eine beispielhafte Kalkulation für ein zweitätiges Inhouse-Seminar mit 5 oder 6 Teilnehmern, die auf realen Zahlen beruht, aber anonymisiert wurde:

  5 Personen 6 Personen
Seminaranbieter 3.546,20 € 3.666,20 €
Raumkosten* 260,00 € 260,00 €
Verpflegung* 200,00 € 240,00 €
Kosten pro Teilnehmer 801,24 € 694,73€
Honorar und Spesen des Dozenten 1.380,00 € 1.380,00 €
Überschuss für den Seminaranbieter 2.166,20 € 2.286,20 €

* Raumkosten und Verpflegung trug in dieser Berechnung zusätzlich der Kunde

Wie man sehen kann, kassiert der Seminaranbieter in dieser Kalkulation für die bloße Vermittlung des Dozenten in diesem Fall mehr als der Dozent für die Durchführung des Seminars und seine oftmals stundenlange Fahrerei erhält. Dies wäre selbst dann noch der Fall, wenn er Raumkosten und Verpflegung tragen müßte. In dieser Kalkulation hatte der Seminaranbieter jedoch nur etwas organisatorischen Kram zu erledigen, z.B. das Zusenden der selbstgedruckten Zertifikate und Skripte / Handbücher an die Teilnehmer. Bei diesem Tarif müßten die Zertifikate eigentlich vergoldet sein.

Die Alternative: selbst Dozenten suchen

Wie man sieht, finanziert man als Kunde bei einem Seminaranbieter vor allem den Seminaranbieter selbst und seine oftmals provisionsbasierten Vertriebsstrukturen. Auch ist es nicht unüblich, dass vor allem bei Inhouse-Seminaren ab 2-3 Teilnehmern aufwärts der Seminaranbieter mehr kassiert als der jeweilige Dozent. Die Alternative kann also nur so aussehen, dass man als Unternehmen selbst rechtzeitig nach möglichen Dozenten und kleineren - vor allem auch regionalen - Seminaranerbietern sucht, die ihre Seminare auch noch selbst halten. Alles andere ist moderner Sklavenhandel wie oben ausgeführt. Als Teilnehmer zahlen Sie hohe Summen an die Seminaranbieter und meinen, sie bekämen auf diesem Wege ein Seminar, das fachlich top und der Dozent hochmotiviert ist. Tatsächlich ist aber vor allem nur die Gier vieler Seminaranbieter hoch und der Deckungsbeitrag pro Seminar für ihn top bei locker 40% und mehr, ohne dass er wirklich irgendwas zum Gelingen des Seminars beiträgt. Die Dozenten werden hingegen oftmals mit im Verhältnis zur Seminargebühr lächerlich geringen Tagessätzen abgespeist. Tatsächlich benötigen Sie den überteuerten Seminaranbieter ebenso nicht wie Sie für eine einfache Versicherung auch keinen nur auf seine Provision schielenden Versicherungsvertreter brauchen.